VDMA PräzisionswerkzeugeDeutsche Präzisionswerkzeughersteller in schwierigem Fahrwasser
Von
Richard Pergler
6 min Lesedauer
Krisen in den Kundenbranchen und Standortnachteile etwa aufgrund hoher Abgaben und Energiepreise belasten die wirtschaftliche Situation der im VDMA-Fachverband Präzisionswerkzeuge organisierten Unternehmen.
Podium bei der Pressekonferenz des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge (von links): Daniel Käfer (Vorsitzender Fachabteilung Werkzeugbau), Stefan Zecha (Vorsitzender des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge), Markus Horn (Vorsitzender Fachabteilung Wendeschneidplatten und Past President ECTMA) und Philipp Ehrhardt (Vorsitzender Fachabteilung Spannzeuge).
(Bild: Maschinenmarkt)
Das Jahr 2024 war für die deutschen Mitgliedsunternehmen des VDMA-Fachverbands Präzisionswerkzeuge kein gutes Jahr. Die schwierige Situation der heimischen Automobilindustrie, aber auch die rückläufige Produktion des deutschen Maschinenbaus sind die Hauptgründe für eine enttäuschende Entwicklung - im Inland mussten die Unternehmen ein Absatzminus von 12 Prozent hinnehmen. Und auch im Export ging das Niveau um 4 Prozent zurück - insgesamt steht für 2024 ein Produktionsminus von rund 9 Prozent gegenüber 2023 zu Buche. Der Produktionswert sank auf 9 Mrd. Euro.
2024 war ein sehr enttäuschendes Jahr
"Das Jahr 2024 verlief für unsere Branche sehr enttäuschend", erklärte Stefan Zecha, Vorsitzender des Fachverbands Präzisionswerkzeuge im VDMA, anlässlich der Jahrespressekonferenz der Organisation. "Gerade vor diesem Hintergrund sind wir gespannt auf die kommende Bundestagswahl - wir hoffen, dass die nächste Regierung es schafft, die Standortbedingungen schnell und nachhaltig zu verbessern."
Im Export blieben 2024 insbesondere die europäischen Märkte hinter den Vorjahresergebnissen zurück. Aber auch der chinesische Markt zeigte sich schwächer. Unter den großen Absatzmärkten für deutsche Präzisionswerkzeuge war einzig und allein der Markt in den USA auf Wachstumskurs. Damit untermauerten die USA erneut ihre Position als wichtigster Einzelmarkt für die Branche.
Zollstreit wäre ein schlechter Deal - für alle
"Umso gespannter blicken wir für das Jahr 2025 auf die handelspolitischen Entwicklungen", betont Zecha. "Schließlich ist Deutschland nach Kanada der zweitwichtigste Lieferant von Präzisionswerkzeugen. Wir liefern hocheffiziente Spitzenprodukte, die den amerikanischen Herstellern eine wettbewerbsfähige Produktion erst ermöglichen. Diese Vorteile mit einem eventuellen Zollstreit aufs Spiel zu setzen - das wäre für beide Seiten wahrlich ein schlechter Deal."
In der deutschen Automobilbranche fehlen im Vergleich zu den Rekordjahren 2016 und 2017 mehr als 20 Prozent der produzierten Fahrzeuge - entsprechend schwach war die Nachfrage aus dieser Branche nach Präzisionswerkzeugen. Zecha hält es für unwahrscheinlich, dass die vor Corona erzielten Höchstwerte jemals wieder erreicht werden. Negativ wirken sich seiner Aussage nach das Zusammenspiel mehrerer Faktoren aus - insbesondere die Umstellung auf die E-Mobilität in Kombination mit Sparprogrammen, gestoppten oder verworfenen Neuprojekten und Turbulenzen in der Zulieferindustrie.
Sorgenkind Automobilbranche
Während die deutschen Automobilhersteller in Deutschland 2024 in etwa wieder auf dem Niveau von 2023 lagen, mussten sie in ihren ausländischen Werken ein Produktionsminus von 5 Prozent hinnehmen. Für die gesamte Automobilindustrie erwarten die Präzisionswerkzeughersteller für 2025 ein leichtes Wachstum der weltweiten PKW-Produktion von rund 3 Prozent.
Der deutsche Maschinenbau blieb im vergangenen Jahr um 8 Prozent unter dem Niveau von 2023 und benötigte entsprechend weniger Werkzeuge. Obgleich die Experten für das aktuelle Jahr ein moderates Wachstum im weltweiten Maschinenbau erwarten, befürchten sie für die deutsche Teilbranche einen weiteren Rückgang um 2 Prozent.
Wir liefern hocheffiziente Spitzenprodukte, die den amerikanischen Herstellern eine wettbewerbsfähige Produktion erst ermöglichen. Diese Vorteile mit einem eventuellen Zollstreit aufs Spiel zu setzen - das wäre für beide Seiten wahrlich ein schlechter Deal.
Stefan Zecha
Während weitere Kundenbranchen der Präzisionswerkzeughersteller wie die Möbel- und Beschlagindustrie weiter schwächeln und die Medizintechnik sich uneinheitlich entwickelt, konnte die Luftfahrtindustrie die Flugzeugproduktion weiter steigern. Entsprechend stieg auch die Nachfrage nach Werkzeugen. Positiv entwickelte sich auch der Bereich Verteidigung und Sicherheitstechnik.
Unternehmen im Dornröschenschlaf
Den Industriestandort Deutschland sieht Zecha am Scheideweg. "Wirtschaft ist nicht alles - aber ohne Wirtschaft ist alles nichts", betont er. "Anstatt notwendige Handlungsspielräume zu schaffen, hat die Politik in den vergangenen Jahren mit endlosem Klein-klein die Unternehmen systematisch belastet. Teile der deutschen Industrie sind inzwischen im Dornröschenschlaf oder bereits abgewickelt oder abgewandert. Deshalb ist es so wichtig, dass aus der Bundestagswahl eine Regierung mit Sachverstand hervorgeht, die der deutschen Wirtschaft wieder Leben einhauchen kann."
Die Herausforderungen werden nicht kleiner, für das laufende Jahr erwarten die Präzisionswerkzeughersteller einen weiteren Rückgang für ihre Branche um nochmals 2 Prozent - verbunden mit der Hoffnung, dass die Talsohle damit erreicht ist.
Stand: 08.12.2025
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Markus Horn, Vorsitzender der Fachabteilung Wendeschneidplatten, gab einen Überblick über die Entwicklung in den einzelnen Teilmärkten. Als eine große Herausforderung für die Werkzeughersteller sieht er die Reduzierung der Kosten. "Das geht nur mit einer durchgängigen und konsequenten Digitalisierung", erklärt Horn. "Die sinkenden Stückzahlen bei gleichzeitig wachsender Variantenvielfalt erfordern eine Senkung der Komplexitätskosten - dafür ist ein allumfassendes digitales Baukastensystem eine mögliche Lösung."
Optimierung der Wirtschaftlichkeit
Unter anderem gab Horn Einblicken drei aktuelle Projekte aus dem Fachverband - unter anderem ein Vorhaben zu einer brancheneinheitlichen Berechnung des Product Carbon Footprint: Hier sorgt ein im VDMA-Einheitsblatt 35111 zusammengefasstes standardisiertes Vorgehen inklusive Berechnungsbeispielen für Transparenz. Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit dem Recycling von Werkzeugverpackungen. Und unter dem Titel ProWerWolf beschäftigt sich ein drittes Projekt mit der Optimierung von Wirtschaftlichkeit und Geometriefreiheit in der Fräsbearbeitung von Hartmetall´.
In seiner Eigenschaft als "Past Präsident" des europäischen Schneidwerkzeugherstellerverbands ECTA gab Horn zudem einen detaillierten Überblick über die europäischen Märkte. Hier sorgte Spanien mit einem Anstieg in der Werkzeugnachfrage in 2024 um 2 Prozent und ebenfalls positiven Aussichten für dieses Jahr für einen Lichtblick unter den Grautönen der übrigen Märkte. Größte Herausforderungen sind auch europaweit der überbordende Bürokratismus, der Fachkräftemangel, aber auch ein drohendes Verbot der "Ewigkeitschemikalien" PFAS.
Fähige Leute für unproduktive Aufgaben
Philipp Ehrhardt, Vorsitzender der Fachabteilung Spannzeuge, sieht in dem Anwachsen der Bürokratie auch ein Personalproblem - so müssen mittelständische Unternehmen fähige Kräfte allein für die Erledigung unproduktiver Aufgaben abstellen. Eine weitere Herausforderung sieht Ehrhardt in der CO2-Abgabe der EU-Staaten, die gegenüber den Unternehmen im Rest der Welt, in dem es keine derartige Abgabe gibt, ein gravierender Wettbewerbsnachteil ist. Insbesondere in den Bereichen Energie, Transport und Verkehr fordert Ehrhardt von den politisch Verantwortlichen Technologieoffenheit: "Subventionen rein auf eine Technologie zu beschränken ist unserer Meinung nach der völlig falsche Weg", betont er. "Die Förderung von entsprechenden Zielen, Einsparungen und Effizienz wäre wesentlich effektiver. Nur im fairen Wettbewerb der Ideen haben wir eine Chance, wieder zum Global Player zu werden."
VDMA Fachverband
Präzisionswerkzeuge
Sprachrohr der Präzisionswerkzeugindustrie
Der Fachverband Präzisionswerkzeuge ist die Informations- und Netzwerkplattform der Hersteller von Zerspanwerkzeugen und Spanntechnik sowie des Werkzeugbaus. Der Fachverband vertritt die technischen und wirtschaftlichen Interessen von rund 170 Mitgliedsunternehmen. Mit etwa 57 000 Beschäftigten ist die Präzisionswerkzeugindustrie einer der größten Fachzweige des Maschinenbaus. Ihr Exportanteil an der Produktion liegt bei mehr als 45 Prozent.Link hier
Für die Fachabteilung Werkzeugbau vermisst deren Vorsitzender Daniel Käfer im Inlandsmarkt belebende Impulse auf breiter Front. Und auch die Auslandsmärkte zeigen sich schwach. "Die Situation in der Werkzeugbaubranche ist derzeit sehr heterogen", beschreibt er die Lage. "Einer kleinen Gruppe von Unternehmen, die ausreichend und gute Aufträge in ihren Häusern haben, steht eine wachsende Anzahl an insolvenzgefährdeten oder bereits in Insolvenz befindlichen Werkzeugbauten gegenüber."
Ganze Modellzyklen fallen aus
Der Werkzeugbau hängt stark an den Modellzyklen seiner Kundenbranchen. Insbesondere in der sehr wichtigen Sparte der Automobilindustrie fehlt aber mittlerweile eine ganze Modellgeneration, die zwar geplant, aber nie produziert wurde. Mit der Folge, dass bei vielen Zulieferern dafür in millionenschwere automatisierte Neuanlagen für diese Modellreihen investiert wurde, auf denen kein einziges Teil produziert wurde. Das führt zu Verunsicherung und reduziert die Investitionsbereitschaft deutlich.
Wirtschaft ist nicht alles - aber ohne Wirtschaft ist alles nichts!
Stefan Zecha
Gleichzeitig belastet der internationale Preiskampf die Branche, der vor allem von großen chinesischen Werkzeugbauten betrieben wird: Sie können zu konkurrenzlos billigen Preisen anbieten, da der chinesische Staat den Werkzeugbau als strategisch bedeutende Branche erkannt und eingestuft hat und die Unternehmen mit der Vorgabe, weltweit Marktanteile zu gewinnen, stark unterstützt.
Auch 2025 wird kein Zuckerschlecken
Die Zeiten sind nicht einfach, auch das Jahr 2025 wird nach den Worten von Stefan Zecha "kein Zuckerschlecken" für die Branche. "Herausforderungen auf vielen Ebenen machen uns zu schaffen", erklärt er. "Aber gerade in schwierigen Zeiten ist Produktivität besonders gefragt. Und das ist schließlich unsere Kernkompetenz!"