Interview „Die Zeit der reinen KI-Pilotprojekte ist vorbei“

Von Mag. Victoria Sonnenberg 5 min Lesedauer

Die AMB 2026 rückt Zukunftsfragen der Fertigungstechnik in den Mittelpunkt. Im Vorfeld der Messe sprachen wir mit Projektleiterin Romy Arnold. Sie gibt spannende Einblicke u. a. in den Praxiseinsatz von KI vor Ort.

Romy Arnold, Projektleitung AMB(Bild:  Messe Stuttgart)
Romy Arnold, Projektleitung AMB
(Bild: Messe Stuttgart)

Die AMB 2026 stellt KI in der Fertigung als eines von drei Themen in den Fokus. Wie macht die Messe dieses Thema für Fachbesucher erlebbar?

Künstliche Intelligenz in der Fertigung wird auf der AMB 2026 auf jeden Fall in allen Hallen sichtbar sein. Laut einer VDMA-Umfrage aus dem Frühjahr 2026 setzt bereits rund ein Drittel der Maschinenbauunternehmen KI produktiv ein.

Die Zeit der reinen Pilotprojekte ist vorbei. Das spiegelt sich im Ausstellerangebot wider: In Halle 2 zeigen ausstellende Unternehmen aus den Bereichen Software, Digitalisierung und Steuerungstechnik intelligente Praxislösungen. Darunter zeigt beispielsweise Open Mind Technologies mit hyperMill Intelligence, wie KI-gestützte Datenanalyse das Erfahrungswissen einzelner Fachkräfte im gesamten Unternehmen verfügbar macht. Aber auch in den anderen Hallen ist KI präsent – von der Maschinensteuerung bis zur Angebotskalkulation. Fanuc kombiniert in der Oskar Lapp Halle (Halle 6) CNC-Steuerung und Digital Twin mit generativer KI – für kürzere Zykluszeiten und bessere Oberflächenqualität direkt im laufenden Maschinenbetrieb. Und Imnoo zeigt am Stand EO121 im Eingang Ost live, wie KI die Angebotskalkulation für CNC-Lohnfertigende grundlegend verändert: Maschinenlaufzeiten, Kosten und Arbeitspläne werden automatisch aus Zeichnungsdaten berechnet – und das System lernt mit jedem abgeschlossenen Auftrag dazu.

Auch das Rahmenprogramm setzt klare Akzente: Am Mittwoch, 16. September, widmet sich die AMB Stage mit gleich zwei Formaten dem Thema KI. Die Programmpunkte starten um 12 Uhr. Diskutiert wird unter anderem, wie KI bereits in der Praxis angewendet wird. Zudem geht es auch um den Wandel vom Hype zur Wertschöpfung – aus praktischer und wissenschaftlicher Perspektive.

Kollaborative Prozesse und No-Code-Lösungen senken die Einstiegshürde in die Automatisierung – auch für kleinere Lohnfertigende. Wo auf der AMB 2026 wird dieser Trend konkret sichtbar?

Die AMB bildet die Branche in ihrer ganzen Breite ab – von globalen Technologieführern über Hidden Champions bis hin zu spezialisierten Nischenplayern. Genau das macht sie für Betriebe jeder Größe relevant: Wer nach einer Automatisierungslösung sucht, findet auf der AMB nicht nur die großen Namen, sondern auch die Anbieter, die passgenaue Lösungen für kleinere Losgrößen und begrenzte Hallenkapazitäten entwickelt haben.

In der Hallenstruktur spiegelt sich das vor allem in der Oskar Lapp Halle (Halle 6) wider, wo der Bereich Automatisierung und Handhabungstechnik einen klaren Schwerpunkt bildet. Darüber hinaus sind Automatisierungslösungen – von kollaborativer Robotik über Beladesysteme bis hin zu automatisiertem Rüsten – bei zahlreichen ausstellenden Unternehmen auf der gesamten Messe erlebbar: live, zum Anfassen und im direkten Gespräch mit den Fachleuten vor Ort.

Die Kreislaufwirtschaft wird als eines der Fokusthemen der diesjährigen AMB genannt. Nachhaltigkeit ist oft mit Investitionskosten verbunden – wie zeigt die AMB den Unternehmen auf, dass zirkuläre Ansätze in der Zerspanung gleichzeitig ein Hebel zur Kostensenkung sind?

Markus Heseding, Geschäftsführer des VDMA Präzisionswerkzeuge, brachte es auf den Punkt: Nachhaltigkeit ist längst ein strategischer wirtschaftlicher Faktor. Gemeint ist damit auch: Wer in der Zerspanung auf Kreislaufwirtschaft setzt, reagiert nicht nur auf ökologischen Druck, sondern auf handfeste wirtschaftliche Realitäten. Wolfram, der zentrale Rohstoff für Hartmetallwerkzeuge, wird weltweit knapper – die Abhängigkeit von einzelnen Lieferregionen führt zu Kostensteigerungen, fehlender Preisstabilität und mangelnder Planbarkeit. Recycling und Rohstoffrückführung sind in diesem Kontext kein Kostentreiber, sondern ein Hebel zur Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit. Als ideeller Trägerverband bringt der VDMA Präzisionswerkzeuge seine Expertise für Antworten auf diese Fragen auf der AMB ein.

Ausreichend fachlichen Input bietet dafür das VDMA Technologieforum am Donnerstag, 17. September, im L-Bank Forum (Halle 1). Der Vormittag ist dem Thema Kreislaufwirtschaft und kosteneffiziente Fertigung gewidmet: Unternehmen wie Ceratizit, Gühring und Iscar zeigen, wie sichere Lieferketten durch Recycling, durchgängige Kreislaufkonzepte für Zerspanungswerkzeuge und professionelles Nachschleifen in der Praxis funktionieren – und was das wirtschaftlich bedeutet.

Die Werkzeugmaschinenindustrie spürt weltweit die konjunkturellen Herausforderungen und geopolitischen Verschiebungen. Welches Signal geht von den Buchungszahlen und der Internationalität der Aussteller der AMB 2026 an die Branche aus?

Wir erleben gerade eines der schwierigsten wirtschaftlichen Umfelder seit Jahren. Umso bedeutsamer ist es, dass alle zehn Hallen belegt sind und rund 1.175 ausstellende Unternehmen aus 35 Ländern ihre Teilnahme bestätigt haben – ein Niveau, das mit der Vorveranstaltung vergleichbar ist. Und die Zahl der vertretenen Länder ist sogar gestiegen: 2024 waren es 28, 2026 sind es bereits 35. Wer in diesem Umfeld eine Messebeteiligung plant, budgetiert und umsetzt, trifft eine bewusste strategische Entscheidung. Dass die Unternehmen diese Entscheidung in dieser Situation treffen – und das zunehmend auch aus dem Ausland – ist ein sehr klares Bekenntnis zur AMB und ein Signal an die gesamte Branche. Wir als Team spüren: Der Wille zur Transformation überwiegt die Zurückhaltung.

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Neben der High-Tech-Hardware widmet sich die AMB auch intensiv der Nachwuchsförderung und dem Fachkräftemangel. Mit welchen Formaten wollen Sie in diesem Jahr gezielt junge Talente für die Zerspanungstechnik begeistern und wie binden Sie die ausstellenden Unternehmen hier ein?

Die AMB setzt beim Thema Nachwuchs bewusst früh an – mit Formaten, die Technik nicht abstrakt erklären, sondern erlebbar machen. Ein zentraler Baustein ist die Sonderschau Bildung der Nachwuchsstiftung Maschinenbau im Atrium im Eingang Ost. Dort stehen Mitmachaktionen für Schulklassen im Mittelpunkt: Beim Formel-1-Rennwagenbau entsteht ein eigener Miniatur-Bolide, bei TECHventure entdecken Schülerinnen und Schüler technische Berufe auf einer Rallye über das Messegelände, und im Berufe- und Technikparcours testen sie Wissen, Geschick und Teamarbeit.

Neu in diesem Jahr ist die von uns ins Leben gerufene Eltern-Kind-Rallye am Samstag. Startpunkt ist die Sonderschau Bildung im Atrium. Dort erhalten Eltern mit Kindern ab 6 Jahren ein Starterpaket mit Laufplan und Stempelkarte. An teilnehmenden Messeständen sammeln Kinder Schritt für Schritt Bauteile für einen fischertechnik-Truck – verbunden mit direkten Einblicken in Technik und Produktion. Die ausstellenden Unternehmen sind ein wichtiger Teil des Formats: Sie öffnen ihre Stände für die Rallye, geben Einblicke in ihre Technologien und machen Technik im direkten Kontakt erlebbar. Einige planen auch weitere spezielle Angebote für die Kleinen.

Genau dieser direkte Draht ist uns auch als Messe wichtig: Wir wollen junge Menschen möglichst früh mit Technik in Kontakt bringen – nicht theoretisch, sondern dort, wo sie entsteht und angewendet wird.

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